Rafał Kosiks Roman No Coincidence ist ein Ausflug in die grell flackernde, moralisch verrottete Welt von Night City – und zumindest atmosphärisch gelingt ihm dieser Einstieg ausgesprochen gut. Schon auf den ersten Seiten fängt er das typische Cyberpunk‑Gefühl ein: Neon, Dreck, Korruption, Konzerne, Straßenslang. Die Stadt wirkt lebendig, und der Hintergrund entfaltet sich mühelos im Kopf des Lesers. Gerade Fans des Spiels werden viele vertraute Elemente wiedererkennen.
Doch während die Welt sofort greift, braucht die Handlung selbst spürbar lange, um Fahrt aufzunehmen. Der Roman entwickelt seine Spannung erst im letzten Drittel, wenn die Heist‑Struktur endlich zusammenläuft. Davor wirkt vieles eher wie ein langes Anlaufen – ein Eindruck, den auch viele andere Leser teilen. Auf Plattformen wie Goodreads wird häufig bemängelt, dass der Plot zu spät anzieht und die Figuren zu blass bleiben.
Tatsächlich bleiben die Charaktere über weite Strecken erstaunlich flach. Sie erfüllen ihre Rollen im Heist‑Gerüst, werden aber selten zu echten Persönlichkeiten, die man emotional greifen kann. Ob hier etwas in der Übersetzung aus dem Polnischen verloren ging oder ob Kosik bewusst archetypisch schreibt, lässt sich schwer sagen – aber der Effekt bleibt derselbe: Man beobachtet die Figuren eher, als dass man mit ihnen mitfiebert.
Positiv hervorzuheben ist dagegen Kosiks Umgang mit den Netrunnern, einem der faszinierendsten Elemente des Cyberpunk‑Universums. Er erklärt ihre Methoden und Denkweise klar und anschaulich: Netrunner bewegen sich in der digitalen Sphäre wie in einer zweiten Realität, hacken Systeme, manipulieren Datenströme und kämpfen in virtuellen Architekturen, die ebenso gefährlich sein können wie die Straßen von Night City. Diese Passagen gehören zu den stärksten des Buches und erweitern das Verständnis für eine der ikonischsten Rollen im Setting.
Insgesamt ist No Coincidence ein Roman, der seine Stärken vor allem in Atmosphäre und Szenerie hat. Die Spannung kommt spät, die Figuren bleiben schemenhaft – doch wer Night City liebt und Lust auf einen klassischen Heist im Cyberpunk‑Gewand hat, findet hier solide Unterhaltung. Die gemischten Bewertungen anderer Leser spiegeln genau dieses Spannungsfeld wider: starke Stimmung, schwächerer erzählerischer Kern.





